Das Projekt

Die Italienische Regierung und die Regierung der Bundesrepublik Deutschland haben 2009 eine gemeinsame Historikerkomission (bestehend aus 5 deutschen und 5 italienischen Mitgliedern) mit dem Mandat eingesetzt, eine kritische Analyse der Geschichte und der gemeinsamen Weltkriegsverganheit zu erarbeiten, um damit einen Beitrag zur Entstehung einer neuen Erinnerungskultur zu leisten.

Nach dem Abschlussbericht der Historikerkommission im Dezember 2012 hat sich die Deutsche Bundesregierung zur Finanzierung einer Reihe von Initiativen und Projekten verpflichtet, die zur Schaffung einer gemeinsamen Erinnerungskultur der Kriegsvergangenheit beitragen sollen. Diese Projekte werden mit der Gründung des “Deutsch-Italienischen Zukunftsfonds” beim Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland finanziell gefördert.

Zu diesen Initiativen gehört die vorliegende Untersuchung, gefördert in Zusammenarbeit mit dem “Nationalen Institut für die Geschichte der Befreiungsbewegung in Italien/Istituto nazionale per la storia del movimento di liberazione in Italia (INSMLI)” und der “Nationalen Vereinigung der italienischen Partisanen/Associazione nazionale partigiani d’Italia (ANPI)”. Sie erlaubt es, ein komplettes Bild der Gewalttätigkeiten gegen die Zivilbevölkerung zu erstellen, die von der deutschen Wehrmacht und ihren faschistischen Verbündeten in Italien zwischen 1943 und 1945 begangen wurden.

Die Ergebnisse der durchgeführten Forschung wurden auf die Webseite in Form eines “Atlas der Gewalt” der nazistischen und faschistischen Massaker dargestellt. Dieser setzt sich zusammen aus einer Datenbank der registrierten Ereignisse und die den dazugehörigen Begleitmaterialien (Dokumente, Illustrationen, Videos). In der Datenbank sind alle Massaker und einzelnen Tötungen von Zivilisten und Partisanen außerhalb von bewaffneten Zusammenstößen erfasst, die von deutschen Militärs und von Einheiten der Repubblica Sociale Italiana nach dem 8. September 1943 begangen wurden, beginnend mit den ersten Tötungen in Süditalien bis zu den Massakern des Rückzugs, welche in den der Befreiung nachfolgenden Tagen im Piemont, der Lombardei und in Südtirol stattfanden.

Die Aufbereitung der registrierten Datenmenge auf chronologischer und geografischer Basis erlaubte die Erstellung einer “Chronografie des Krieges der Nazis in Italien”, die die Modalitäten, die Urheber, die Zeiten und Orte der Gewalt gegen unbewaffnete Personen im Inland miteinander in Korrelation setzt.

Die Geschichtsforschung wurde auf lokaler Ebene von einer Gruppe von über 90 Wissenschaftlern durchgeführt. Diese stützten sich auf die Ergebnisse der vorhergehenden Untersuchungen, bezogen vor allem auf die Regionen Puglia, Campanien, Toscana, Emilia Romagna und Piemont und auf drei Serien von Quellenmaterialien auf nationaler Ebene:

- Die Datenbank der während der deutschen Besetzung in Italien verübten Gewalttätigkeiten gegen Zivilpersonen. Diese Datenbank wurde von der deutsch-italienischen Geschichtskommission auf der Basis der Berichte der Carabinieri erstellt, die im Geschichtsarchiv des Generalstabs des Heeres und im Geschichtsarchiv der Carabinieri in Rom gefunden wurden.

- Das Hauptregister der ab 1945 von der Militärstaatsanwaltschaft in Rom gesammelten Anzeigen der Kriegsverbrechen, die 1960 auf illegale Weise ad acta gelegt worden waren. Das Register wurde von der parlamentarischen Untersuchungskommission zur Ursache der Verdunkelung der Akten, bezogen auf die Verbrechen der Nazifaschisten (XIV Legislatur) wiedergefunden.

- Die Gerichtsurteile und die Akten der Gerichtsverfahren bei Militärgerichten die im Verlauf der letzten Prozessperioden von 1994 an bis heute bei Militärgerichten verhandelt wurden.

Die Ergebnisse der Untersuchung haben es ermöglicht, über 5000 Episoden zu registrieren, die in der Datenbank erfasst sind, für jede von diesen wurde die Dynamik der Ereignisse rekonstruiert, eingefügt in den spezifischen territorialen Kontext und in die diversen Phasen des Krieges. Auch ermittelte man die Identität der Opfer und die der Vollstrecker (soweit es möglich war). Ausgehend von einigen gesicherten geschichtswissenschaftlichen Ergebnissen – das Vorhandensein eines Systems von Anordnungen, die die Gewalt gegen Zivilisten legitimierte, die Massaker als Produkt einer expansionistischen Ideologie rassistischer Art, der nationalsozialistischen, die darauf abzielte, die geographischen Grenzen und die soziale Dimension Europas zu destrukturieren – hob die Forschung die Verknüpfung zwischen der verübten Gewalt gegen die unbewaffnete Bevölkerung und den Zielen hervor, die das deutsche Heer in den verschiedenen Zeiten und Orten während des Krieges in Italien verfolgte. Von diesen Zielen waren die folgenden wesentlich:

-der Kampf gegen die bewaffneten Gruppen des Widerstandes – besonders jene kommunistischen Ursprungs –, die als Initiatoren eines illegitimen und irregulären Bandenkrieges betrachtet wurden, die keinen Skrupel hatten Frauen und Kinder als aktive Subjekte der Zusammenstöße zu benutzen;

- die Strafaktionen gegen politische Gegner;

- Pläne zur Ausbeutung der menschlichen und ökonomischen Ressourcen, realisiert durch Razzien, Verhaftungen und Deportation von Zivilisten, die zur Zwangsarbeit verschickt wurden;

- die Aktionen zur “Säuberung des Territoriums” in der Nähe der Verteidigungslinien und der Rückzugswege;

- die Zusammenarbeit mit den Akteuren und den repressiven und administrativen Strukturen der Italienischen Sozialrepublik, die gelegentlich Protagonisten von eigenen, autonomen terroristischen Strategien waren.

Paolo Pezzino introduces the research project (Milan , December 13, 2013 )